Albert-Ludwigs-Universität Freiburg


Die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg veröffentlichte am 08. Juni 2017 in ihrem Online-Magazin die folgende Reportage über das Teddybären-Krankenhaus Freiburg.

 

Den entsprechenden Artikel können Sie unter folgendem Link ansehen:

Autor: Jürgen Schickinger
Fotos: Klaus Polkowski

Stofftier Laura muss zum Arzt

 

Im Teddybären-Krankenhaus behandeln Medizinstudierende die plüschigen Freunde von Freiburger Kindern

 

Im Park des Universitätsklinikums fand das 14. Teddybären-Krankenhaus statt. Die fünfjährige Anna brachte Teddybärin Laura als Patientin, ihr Freund Thomas seine Stoffschildkröte Robin.

 

 Foto: Klaus Polkowski

 

Traurig lässt Robin, die grüne Plüschschildkröte, ihre rechte Vorderflosse hängen. Der kleine Thomas presst sie fest an sich, als er im Park der Universitätsklinik Freiburg zum Zelt „Behandlung" geht. Anna, aus dem gleichen Kindergarten, begleitet ihn. Sie hält Laura im Arm, ihre cremefarbene Teddybärin, die einen Verband trägt.

 

Vorsichtig betreten die Fünfjährigen das Behandlungszelt für Plüschtiere. „Kommt nur rein", empfängt Medizinstudentin Antonia Riefler sie freundlich. Riefler steckt im weißen Arztkittel; um ihren Hals baumelt ein Stethoskop. Die Studentin ist heute Teddydoc. Sie wird zusammen mit Anna und Thomas deren Kuscheltiere untersuchen, abklopfen, röntgen. Auf die gründliche Diagnose wird eine Therapie folgen - möglicherweise ein Eingriff im Operationssaal.

 

 

Thomas und Anna helfen bei der Operation ihrer Kuscheltiere und verlieren so auf spielerische Weise die Angst vor dem Arztbesuch. Fotos: Klaus Polkowski

Berührungsängste verlieren

 

„Das Teddybären-Krankenhaus soll für die Kinder so echt wie möglich wirken", sagt Hauptorganisatorin Tessa Görne. In Freiburg erlebt das Kooperationsprojekt von Universität und Uniklinik seine 14. Auflage. Ursprünglich stammt die Idee aus Skandinavien. Durch Teddybären-Krankenhäuser sollten Kinder Berührungsängste gegenüber Ärzten verlieren und sich mehr für Gesundheit interessieren. „Studien haben gezeigt, dass dies tatsächlich funktioniert", erklärt Görne. Deshalb breiten sich Kliniken für Plüschlieblinge seit Jahren auch hierzulande aus.

 

Jede Behandlung beginnt mit einem Gespräch, auch bei Teddydocs wie Antonia Riefler: „Was haben eure Kuscheltiere denn?" Schildkröte Robin hatte einen klassischen Hausunfall, erzählt Thomas bekümmert, „Sie ist vom Bett gefallen." Anna weiß nicht, woher ihre Laura das Loch am Hals hat. Als nächstes gilt es zu klären, ob Bärin und Schildkröte innere Verletzungen erlitten haben.

 

Der Plüschelch hatte einen Fahrradunfall, nun ist schnelle medizinische Hilfe durch die Teddydocs gefragt. Foto: Klaus Polkowski

 

Riefler zeigt Anna und Thomas, wie man mit einem Stethoskop den Herzschlag belauscht. „Hörst du etwas?", fragt sie Anna. Das Mädchen nickt und strahlt glücklich. Lauras Herz klingt gesund. Dann drückt Thomas die Stethoskop-Membran an Robins Rücken und legt die Ohrbügel an. „Was hörst du?", will Riefler wissen. „Bum, Bum...", sagt Thomas lächelnd.

 

Einfühlsame Aufklärung über Gesundheit

 

Teddydocs brauchen Fingerspitzengefühl. „Sie müssen wissen, wie sie bestimmte Dinge ausdrücken", sagt Görne. Sie und die Schirmherrin des Projekts, Professorin Dr. Brigitte Stiller, die Ärztliche Direktorin der Klinik für Angeborene Herzfehler und Pädiatrische Kardiologie am Universitäts-Herzzentrum Freiburg-Bad Krozingen, schulen die mitwirkenden Studierenden.

 

Meistens plagen die Teddys zwar eher harmlose Probleme wie Bauchweh, Erkältungen, gebrochene Arme und Beine. Doch manchmal verkündet ein Kind: „Mein Teddy hat Krebs." Oft ist nur das Schalentier mit Scheren gemeint. Vereinzelt reden Knirpse aber von echten Tumoren. In solchen Fällen müssen Teddydocs besonders feinfühlig vorgehen. „Wir fragen etwa, was dem Teddy heute besonders weh tut", sagt Görne. Ist es der Bauch, wird der behandelt und die Welt sieht wieder besser aus. Gleichzeitig müssen Teddydocs sanft rüberbringen, dass Krebs keine leichte Erkrankung ist, die nach einer Tablette oder einer Spritze verschwindet.

 

 Tapferer Elch: Im Teddybären-Krankenhaus sehen die Kinder, dass Spritzen gar nicht so schlimm sind. Foto: Klaus Polkowski

 

Anna und Thomas wechseln in ein neues Zelt. Auf dem steht außen „Diagnose". Innen warten Pappgeräte für EKGs, Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen auf die Patienten. Bei Schildkröte Robin und Bärin Laura stellt sich zu aller Erleichterung heraus: Sie haben nur äußerliche Verletzungen. Allerdings sind die Wundlöcher groß. „Die müssen wir nähen", sagt Riefler.

 

Im OP-Zelt nebenan legt sie Operationskittel und Mundschutz an, hantiert mit Nadel und Faden, während Anna und Thomas gebannt zuschauen. Beim Abschneiden der Fäden, Anlegen von Verbänden und beim Pflastern ihrer Lieblinge helfen sie eifrig mit.

 

100 Teddydocs arbeiten in Schichten

 

Vier Tage lang steht das Zeltdorf, in dem lebhaftes Gewusel herrscht. Um den Andrang zu bewältigen, arbeiten rund 100 Teddydocs in Schichten. Die Mehrheit sind Studierende der Humanmedizin. Unterstützung kommt von einigen Kommilitoninnen und Kommilitonen aus der Zahnmedizin und Pharmazie. „Das Teddybären-Krankenhaus wird sehr gut angenommen", freut sich Görne. Sie leitet das Projekt zum dritten Mal und steckt jeden Monat rund 15 Stunden Arbeit hinein. Die Docs müssen nur etwa drei Stunden zusätzlich zu ihren Schichten investieren.

 

„Robin ist wieder richtig gesund", findet Thomas nach der Operation. Anna stimmt zu, hebt ihre Teddybärin ans Ohr und stellt fest: „Das Herz klopft jetzt viel lauter." Für sie und alle anderen Kinder hat der Besuch in der Teddyschule begonnen. Da ist Bär Bruno die Attraktion. „Ich kann ihm in den Bauch greifen und schauen, was für Organe er hat", sagt eine studentische Lehrerin.

 

Unter reger Beteiligung der Kinder geht sie Herz, Magen, Nieren und ihre Funktionen durch. „Wie kommt das Wasser wieder aus dem Körper heraus?", fragt sie. „Als Pipi", ertönt es im Chor. Nach der Einführung arbeiten die Studierenden mit den Kindern paar- oder gruppenweise. Anna und Thomas bekommen zum Schluss noch Rezepte. Dafür gibt es in der Teddybären-Krankenhaus-Apotheke Traubenzucker, Gute-Besserungs-Tee und Luftballons. Damit ist therapeutischer Erfolg garantiert.

 

Großer Spaß mit kleinen Klienten

 

„Das war schon aufregend", gesteht Riefler nach ihrem ersten Einsatz als Teddydoc. Die Medizinstudentin im zweiten Semester arbeitet gerne mit Kindern. Das betont auch Görne, die im sechsten Semester Humanmedizin studiert. Für sie steht fest, dass sie Kinderärztin werden will. Ihr Interesse an der Pädiatrie hat sie schnell zum Projekt Teddybären-Krankenhaus gebracht.

 

„Es ist eine deutliche Verbesserung, dass wir es dieses Jahr im Park der Uniklinik veranstalten dürfen", sagt sie. Lage, Logistik und Stimmung seien besser als im Stadtgarten, wo sie bisher gastierten. Dann muss sich Görne wieder um die Organisation kümmern. „Das Teddybären-Krankenhaus bedeutet schon Stress", sagt sie zum Schluss, „Aber es macht auch riesig Spaß!"

 

Jürgen Schickinger