MEDI-LEARN: Spielzeug aus Fleisch und Blut


Das Teddybärenkrankenhaus

Von Agnieszka Wolf

 

Link zum Originalartikel: http://www.medi-learn.de/medizinstudium/campus/Organisationen/Teddykrankenhaus/Spielzeug_aus_Fleisch_und_Blut/

 

Viele Kinder haben Angst vor Krankenhäusern und Arztbesuchen. Um diese Angst zu mindern, veranstalteten die Freiburger Medizinstudenten am 13. und 14.Juni 2002 ihr erstes Teddybärenkrankenhaus.
Etwa 450 Teddybären wurden von über 80 Teddy-Docs erfolgreich behandelt.


Das Messer trifft voll ins Schwarze. Peter Pan hat beim Angriff auf CaptainHook wohl doch das Ziel verfehlt, und die scharfe Klinge durchbohrt brutal den pechfarbenen Bauch des alten Teddys John. Dieser macht ein fassungsloses Gesicht, hebt seine Krallenpfoten hoch zum Himmel empor und schaut flehend zu Sascha: „Ich brauche unbedingt einen Arzt!!!“. „Nur nicht weinen“, schießt dem4-Jährigen Jungen durch den Kopf, er nimmt John in den Arm und zeigt das Unglück dem Teddy-Sanitäter Björn. Der Rettungs-Profi fährt blitzschnell die Metall-Klapptrage des Rettungswagens aus und wieder ein, und schon wird John mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren: Bei den Freiburger Teddy-Doktoren ist ergut aufgehoben.

Über 80 Medizinstudenten der Albert-Ludwigs-Universität lassen zwei Tagelang die Vorlesung ausfallen und spielen im sonnigen Stadtgarten der Stadt Freiburg Teddy-Ärzte. Das Gemeinschaftsprojekt des „Deutschen Famulantenaustauschs“ und der „Offenen Fachschaft Medizin“ gibt 4-6jährigen Kindern die Chance, mit dem Krankenhaus und medizinischen Personal in Berührung zu kommen, ohne selbst in der Rolle des Leidenden zu sein. Eingeladen sind alle Kindergärten Freiburgs. Jedes Kind bringt ein Stofftier mit, für das es sich eine Krankheitausdachte, und lässt es die Teddybären-Docs wieder gesund machen. Die Studenten in Weiß führen ein Anamnesegespräch, untersuchen die Tiere gründlich, stellen eine Diagnose und denken sich eine Therapie aus. "Wichtig dabei ist, dassman die Kinder und ihre kranken Teddys unbedingt ganz ernst nimmt", betont Dr. Stephan Ehl, Facharzt für Kinderheilkunde an der Universitätsklinik Freiburg, in der Teddy-Doc-Ausbildung.

Jedoch gerade diesem Ratschlag zu folgen fällt es nun mal manchmal schwer. Etwa beim Patienten „Elchi“, Sohn der 5-jährigen Mama Celina, der - obwohl erst 1 Jahr alt und noch ganz klein - allein über die Straße ging. Und das auchnoch, ohne eine Ampel zu suchen. „Er ist jetzt ganz vom Auto überfahren, nicht nur das Bein. Er hat sich ganz viel gebrochen...“, doziert Celina und streicht Elchi sanft über das Geweih. Um multiple Frakturen auszuschließen, muss der zuständige Teddy-Doc den Elch mit der improvisierten Röntgenbrille durchleuchten lassen. Tatsächlich hat sich das Tier laut Radiologie nur eine kleine Stauchung zugezogen; Celina ist aber kritisch: „Macht ihr das auch alles richtig hier? Wie richtige Ärzte?“ Dr. ted. Axel ist besorgt: „Ob sie mir das mit der Stauchung geglaubt hat, weiß ich nicht...“

Während die Studenten im Untersuchungszelt mit Stethoskopen, Reflexhämmern und Augenleuchten hantieren, versorgen die Kommilitonen aus der Apotheke die kranken Bären mit Smartison 200 und Haribo forte, damit die Patienten aus Stoff auch schnell wieder gesund werden. Und im Wartezelt, wo die Kinder mit Betreuung von Dr. teds kunstvolle Masken basteln, sorgen Kindergärtnerinnen für eine vertraute Atmosphäre. Die Erzieherin vom Freiburger Sportkindergarten findet die Aktion klasse: „Die Vorbereitung auf das Teddybärenkrenkenhaus begann vor einer Woche. Ich kam selbst mit meinem verbundenen kranken Teddy in den Kindergarten und habe mit den Kleinen besprochen, dass wir jetzt zum Arztgehen, und was der Arzt machen wird. Außerdem schauten wir uns Bilderbücher überdas Krankenhaus an.“

Die Aktion, die übrigens aus Norwegen über Schweden nach Deutschland gelangte, koordinieren die Medizinstudentinnen Alicja Ditschek und Christine Lunke. Dabei wird Organisation ganz groß geschrieben: „Von 6-9 Uhr bauen wir auf,von 9-16 mach ich Teddykrankenhaus und von 16-18 Uhr hab ich Radiokurs“, sagt Alicja, ohne sich von dem vollen Zeitplan stressen zu lassen. Und dazu hätte sie allen Grund: Die Infoveranstaltung muss vorbereitet werden, die Zelte bestellt, der Platz gemietet, die Presse verständigt, Sponsoren gesucht und was so alles noch anfällt. Doch mit ein wenig Idealismus lässt sich allesbewältigen: „Viele Eltern haben berichtet, dass die Kinder ihren kranken Teddy sehr ernst genommen haben: Er hat den Platz in ihrem Bett bekommen und musste unbedingt drei Mal am Tag das rote Smartie schlucken. Dass die Kinder jetzt gar keine Angst mehr vor Ärzten haben, ist natürlich unmöglich, aber ein klein wenig Furcht vor dem Kranksein kann unsere Aktion sicher nehmen “- Alicjas Augen strahlen vor Begeisterung.